Februar
Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Johannes 10,10
»Danke Jesus«, denke ich, während ich aus dem Bus die vorbeiziehende Landschaft betrachte. »Dieser Besuch war wirklich schön.«
Ahmed und Fatima haben ihr erstes Kind bekommen und ich hatte versprochen, sie zu besuchen. Fatima kenne ich noch nicht gut; sie wohnt erst seit Kurzem mit meiner Freundin Schuili und ihrem Sohn Ahmed zusammen, der nun ihr Mann ist.
Als ich die winzige Wohnung betrete, müssen sich meine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Von überall aus der Wohnung dringen Stimmen hervor – Fatimas Nichten sind ebenfalls da. Dass kurz nach der Geburt schon so viel Besuch im Haus ist, ist hier völlig normal. Ich gehe zu meiner Freundin Schuili, die mit dem Baby auf dem Arm im Bett liegt. Fatima eilt herbei und bringt jedem eine Schüssel mit Nudeln und einen Becher Saft. Wir plaudern.
»Komm wir gehen aufs Dach«, sagt Ahmed kurz vor Sonnenuntergang. Auch das gehört zur Tradition eines solchen Besuchs. »Ist Gott nicht gut«, sage ich, während wir ehrfürchtig den Himmel betrachten. »Er hat die Welt für uns gemacht, damit wir uns an ihr freuen.«
Als es dunkel ist, steigen wir wieder hinunter in die enge Wohnung. Fatima breitet eins der frischen Tücher auf ihrem Bett aus, welches sie vom Dach geholt hat. Ahmed hilft ihr. Ich bleibe im Türrahmen stehen. »Was für eine Liebe«, bemerke ich, denn es ist unüblich, dass die Männer hier ihren Frauen helfen. Fatima lächelt verstohlen.
Dann setzen wir Frauen uns im Schneidersitz auf das große Bett und trinken Tee. »In Ihrem Herzen ist kein Stolz«, sagt eine der Nichten zu mir. »Sie sind sich nicht zu gut dafür, bei uns Armen auf dem Bett zu sitzen.« Solche Sätze höre ich oft, wenn ich ärmere Familien besuche.
»Das habe ich von Isa al Masih, Jesus dem Messias, gelernt«, sage ich. »Wollt ihr eine Geschichte von ihm hören?« »Ja bitte«, sagen sie und sitzen plötzlich kerzengerade. Ich erzähle, wie Jesus die Kinder auf den Schoß nimmt und sie segnet. Dass wir nur zu Gott kommen können, wenn wir wie die Kinder werden.
Das Neugeborene schläft friedlich auf Schuilis Arm. Wie kraftvoll Jesu Worte in diesem Moment wirken. Dieses Kind kann nichts zu seinem Überleben beitragen, ist völlig abhängig von der Fürsorge seiner Eltern. So ist es auch mit uns: Wir können nichts zu unserer Errettung beitragen. Doch für diese Frauen ist Errettung untrennbar mit Leistung verbunden – mit Gebeten, Fasten, dem Einhalten von Geboten. Ihr Leben dreht sich darum, Gunst bei Gott zu erwerben.
Dann erzähle ich von dem, was Jesus getan hat, damit wir errettet werden können – die Frauen nicken. »Bei seinem Tod hat Gott unsere Sünden auf ihn gelegt. Auch deine Sünden«, sage ich und schaue Schuili hoffnungsvoll an. Sie nickt.
Nicken sie, weil sie meine Worte verstehen oder weil sie höflich sein wollen? Jesus weiß das.
Auf dem Heimweg ziehen die Szenen des Nachmittags noch einmal an mir vorbei. Leben teilen bedeutet für mich, diese Frauen an ihrem Ort zu besuchen, mich auf ihre Betten zu setzen und ihnen nahe zu sein. Und immer wieder die Gelegenheiten zu nutzen, die Gott mir gibt, um seine Wahrheit auszusäen.
Ich sehne mich danach, dass sie begreifen, dass er gekommen ist, um ihnen ein Leben in Fülle zu schenken – mitten in ihrer Armut. Dafür bete ich.